Hinweise zum Lesen des "Kapital"

Aus Wiki der Zukunftswerkstatt Jena
Version vom 31. Oktober 2011, 19:21 Uhr von Annette (Diskussion | Beiträge)

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aus einem Brief an F. (2011):

Beim Lesen ist da zu beachten, dass das Ganze eine dialektische Grundstruktur hat. Das bedeutet: Marx hat nach langem Überlegen schon einen richtigen Ausgangspunkt gewählt, von dem aus er die ganze kapitalistische Ökonomie in den Blick nehmen kann (die Ware und der Doppelcharakter von Gebrauchswert und (Tausch-)Wert). Aber wenn er dann weiter fortfährt, folgt er nicht dem üblichen Schema "Wenn...dann...usw", sondern es passiert folgendes: Es zeigt sich, dass der jeweils gerade erreichte Standpunkt in sich selbst widersprüchlich ist, wenn man ihn zu Ende denkt. Das zeigt, dass es nicht der "Wahrheit letzter Schluss" ist. Er muss "negiert" werden. Durch die Kritik/Negation zeigt sich auch, in welche Richtung weiter gedacht werden muss. Wenn man das dann macht, hat man ein höheres Maß an Verständnis erreicht, also quasi die "Negation der Negation". Der frühere Standpunkt ist 1. als Zwischenschritt noch erhalten, als unzureichend jedoch auch 2. weggetan und 3. auf einen höheren Standpunkt gehoben (diese drei Aspekte zusammen deuten an, dass er "aufgehoben" wurde, ein spezifischer philosophischer Begriff, der nur im Deutschen so gut funktioniert).

Nun passiert es relativ oft, dass jemand bei Marx etwas liest und sich dann so drauf bezieht, als würde Marx das wirklich vertreten. In Wirklichkeit geht Marx selbst darüber hinaus, d.h. dieser Standpunkt ist nur ein Durchgangspunkt, kein Endpunkt.

Beispiel:

So ist das auch bei Marxens Unterscheidung von abstrakter und konkreter Arbeit. Dort, wo das auftaucht, wurde noch nichts von Kapital gesagt und man könnte den Doppelcharakter vielleicht auch noch so verstehen, dass man die Aspekte "konkret" und "abstrakt" voneinander trennen kann und die konkrete Arbeit z.B. ohne die abstrakte denken und eventuell auch realisieren.

Später, nachdem Marx gezeigt hat, dass es im Kapitalismus um die Verwertung von Kapital geht, nennt er die Beziehung zwischen den beiden Aspekten nicht mehr "Doppelcharakter", sondern er spricht von einer "Einheit von Arbeits- und (Kapital-)Verwertungsprozess“. Man kann es nicht mehr trennen, gearbeitet (auch konkret gearbeitet) wird im Kapitalismus nur, wenn gleichzeitig Kapital verwertet wird. Dabei ist die Trennung von sachlichen Produktionsvoraussetzungen (Ressourcen, Produktionsmitteln...) von den Arbeitenden vorausgesetzt - die Menschen können überhaupt nur arbeiten (d.h. ihre lebendige mit der sachlichen Kraft zusammen tun), wenn sie ihre Arbeitskraft verkaufen und dann steht der ganze Prozess unter der Verfügungsgewalt des Kapitals. Es gibt keine "unschuldige" konkrete Arbeit, die erst durch die Abstraktion zur abstrakten Arbeit würde, auch die konkrete Arbeit gehört in die Einheit kapitalistisch bestimmter Arbeit. Das Problem ist nicht die Abstraktion, sondern die Trennung der Verfügung über die Arbeitskraft und die Produktionsmittel.